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Die Community fragt – unsere Expert*innen antworten! 

In seinem ersten Video zum Thema Bioökonomie nimmt Doktor Whatson die ökologische Kreislaufwirtschaft und verschiedene Produkte aus der Welt der Bioökonomie unter die Lupe. Einige Fragen aus seiner YouTube-Community haben wir an Expert*innen der Bioökonomie weitergeleitet. Die Fragen und Antworten findet ihr hier:


Bioökonomie und Verbraucher*innen

Antwort von Dr. Holger Kühnhold, Leibniz-Zentrum für Marine Tropenforschung (ZMT) Bremen: 

Bei der Bioökonomie geht es um die Nutzung von nachwachsenden, biologischen Ressourcen, anstelle von synthetischen Erzeugnissen, basierend auf endlichen Ressourcen (vor allem Erdöl). Das heißt, um im Sinne der Bioökonomie zu konsumieren, sollten rein organische Produkte (z.B. aus pflanzlichen Fasern und Bioplastik) gewählt werden, die nachhaltig produziert werden und biologisch abbaubar sind. Es gibt bereits viele altbekannte Produkte (z.B. Jutebeutel) die diese Kriterien erfüllen. Andere biobasierte Produkte sind im Alltag in Vergessenheit geraten und andere kommen als innovativen Neuheiten auf den Markt. Hier muss der Kunde etwas recherchieren, bereits erhältlich sind z.B. Klamotten aus Holzfasern, Leder, das aus Pilzen gewonnen wird und Fahrräder aus Bambus. Der zweite wichtige Aspekt bei der Bioökonomie ist das Vorantreiben eines Umdenkens bei Produktionsprozessen, um das gängige lineare Wirtschaften (Material-Produkt-Abfall) kreisförmiger zu gestalten. Das heißt, jeder sollte im Alltag einmal mehr hinterfragen, was wirklich Abfall ist und was wiederverwertet werden kann. Bioökonomie steht für innovative Ideen, wie Abfall- und Nebenprodukte wieder nutzbar gemacht werden können. Außerdem können Verbraucher nach Produktionsweisen Ausschau halten, bei denen die Prinzipien der Kreislaufwirtschaft verfolgt werden. Höfe verschiedener Bioverbände verfolgen seit je her die Sichtweise, dass alle Segmente der Tierzucht und Pflanzenproduktion Teile eines einzigen Organismus sind. Hier werden die Pflanzen ausschließlich mit Tierabfällen gedüngt und die Tiere wiederum mit den Pflanzen gefüttert, der Kreislauf ist geschlossen. 

Diese Art der Landwirtschaft agiert schon seit langem nach den Idealen der Bioökonomie. In urbanen Regionen ist vielerorts Aquaponics als nachhaltige Lebensmittelproduktion auf dem Vormarsch. Hierbei geht es auch um das Schließen eines Nährstoffkreislaufes zwischen Fisch und Pflanze. Dieser Ansatz ermöglicht eine sehr ressourcenschonende Nahrungsmittelproduktion mitten in Stadtgebieten. Bioökonomie ist somit nicht nur das Bereitstellen von neuen biobasierten Produkten, sondern auch das Vorantreiben von alternativen, nachhaltigeren Wirtschaftsweisen. Diese sollte der Konsument versuchen wahrzunehmen und wenn möglich zu unterstützen.


Bambuszahnbürsten

Antwort von Dr. Holger Kühnhold, Leibniz-Zentrum für Marine Tropenforschung (ZMT) Bremen: 

Bevor ich konkret auf die Frage nach Bambuszahnbürsten eingehe, möchte ich erst einmal ein paar Worte zum Rohstoff Bambus sagen. Denn Bambus ist ein hervorragender Rohstoff, ganz im Sinne der Bioökonomie. Bambus ist eine extrem schnell nachwachsende Ressource (sehr viel schneller als Holz), daher können kontinuierlich große Mengen abgebaut werden ohne die Bestände zu gefährden. Somit ist Bambus laut gängigen Definitionen nachhaltig. Das schnelle Wachstum bedeutet auch, das Bambus sehr viel CO2 binden und in Sauerstoff umwandeln kann. Außerdem ist Bambus so robust und widerstandsfähig, dass in der Regel keine Dünger oder Pestizide für den Anbau nötig sind.       

Nun zum Thema Zahnbürsten: Die Alltags-Zahnbürste besteht aus Plastik, der zu Grunde liegende Rohstoff ist hierbei Erdöl. Im Gegensatz zu Bambus ist diese Ressource endlich und somit nicht nachhaltig. Im Schnitt werden Zahnbürsten alle drei Monate weggeworfen, somit entstehen große Mengen an Plastikmüll, der mindestens 500 Jahre auf unserer Erde verweilt. Bambuszahnbürsten sind dagegen bis zu 100% biologisch abbaubar (je nachdem aus welchem Material die Borsten sind). Bambus kann verbrannt oder kompostiert werden, die Zahnbürstenköpfe kommen normalerweise in den Restmüll (nur Bambusviskoseborsten sind 100% biologisch abbaubar).   

Bambus und Bambuszahnbürsten werden zurzeit fast ausschließlich in China produziert. Dadurch entstehen lange Transportwege und damit einhergehende Emissionsbelastungen. Aber beim Vergleich von einer Bambuszahnbürste mit einer gewöhnlichen Zahnbürste muss fairerweise erwähnt werden, dass auch die meisten Plastikzahnbürsten in Asien produziert werden und somit den gleichen Weg zurücklegen. Rechnet man nun mit ein, dass Bambus beim Wachsen CO₂ bindet, während bei der Produktion von Plastik CO₂ ausgestoßen wird, hat die Bambuszahnbürste in diesem Vergleich sogar die Nase vorn. Aber die Produktionsstätte China kann natürlich auch kontrovers diskutiert werden. Generell kann man davon ausgehen, dass in China Umwelt- und Sozialstandards verglichen mit der westlichen Welt, niedriger sind. Aber im Falle von Bambus ist positiv anzumerken, dass der Bambusanbau bisher wenig industrialisiert wurde und vielerorts von Kleinbauern dominiert wird. Dass das auch so bleibt, liegt vor allem in der Hand der westlichen Konsumenten. Wie bei fast allen Produkten ist es wichtig auf Labels (Bio und/oder Fairtrade) zu achten und nicht die günstigsten Produkte zu kaufen.

Bambuszahnbürsten und generell die Nutzung von Bambus als Rohstoff ist auf jeden Fall ein Schritt in Richtung mehr Nachhaltigkeit und Bioökonomie. Im Rahmen des Wissenschaftsjahres Bioökonomie kann im Bundesministerium für Bildung und Forschung zurzeit auch ein Bambusfahrrad besichtigt werden. Übrigens wird auch in Europe bereits vereinzelt Bambus angebaut.


Kleider aus PET-Flaschen

Antwort von Claudia Heller, Hochschule für Technik und Wirtschaft (HTW) Berlin:

PET-Flaschen können auf zwei Art und Weisen recycelt werden. Einfacher und kostengünstiger ist die mechanische Aufbereitung der PET-Flaschen. Hierbei werden die Flaschen mechanisch zu Flakes zerkleinert, eingeschmolzen und als Faser wieder ausgesponnen. Solche recycelten Fasern werden immer in Mischung mit neuen, d.h. aus dem Rohmaterial Erdöl hergestellten Fasern, zu einem Textil verarbeitet. Untersuchungen an der HTW Berlin haben keine signifikanten Eigenschaftsveränderungen von Bekleidung aus recycelten Fasern festgestellt, die das Trageverhalten beeinflussen würden.

An der Hochschule Niederrhein finden im Forschungsprojekt TextileMission Untersuchungen zum Thema Mikroplastik textilen Ursprungs statt. Dort werden auch Textilien aus recycelten Polyesterfasern untersucht. Eine Veröffentlichung der Ergebnisse steht hier noch aus. Jedoch sind Textilien hoch komplex, sodass nicht einfach von einem untersuchten Textil aus rPET auf andere Textilien mit Anteilen dieses Faserstoffes geschlossen werden kann.


Bioökonomie und die soziale Frage

Antwort von Dr. Holger Kühnhold, Leibniz-Zentrum für Marine Tropenforschung (ZMT) Bremen: 

Bioökonomie steht für ein Umdenken bei der Produktion von Konsumgütern, weg von fossilen endlichen Ressourcen, um neue Wege in Richtung biobasierte Rohstoffe und Nachhaltigkeit aufzuzeigen. Dabei geht es primär um innovative Produktionsverfahren und eine Verschiebung des Blinkwinkels auf Nebenprodukte und Abfall, soziale Fragen stehen dabei nicht im Fokus. Allerdings sehe ich Bioökonomie als Themenkomplex, bei dem ein Umdenken unseres Konsumverhaltens ein zentraler Punkt ist. Der Verbraucher soll sensibilisiert werden, welche Materialien in den Produkten verarbeitet werden. Ich denke, dass dabei ganz natürlich auch die Themenfelder  Produktionsbedingungen und soziale Gerechtigkeit diskutiert werden.