Slideshow Header

Die Community fragt – unsere Expert*innen antworten! 

In seinem zweiten Video zum Thema Bioökonomie nimmt Doktor Whatson die biobasierte Stadt der Zukunft unter die Lupe. Eine Frage ist uns dabei besonders aufgefallen: Doktor Whatsons Zuschauer*in "Irgendein Name" wollte wissen, wie die inklusive Stadt der Zukunft aussehen könnte. Um hierauf eine Antwort zu finden, wendeten wir uns an Raúl Krauthausen. 
Als Inklusions-Aktivist und Gründer der Sozialhelden, studierter Kommunikationswirt und Design Thinker arbeitet Raúl Krauthausen seit über 15 Jahren in der Internet- und Medienwelt.

Zukunftsstadt und Inklusion

Antwort von Raúl Krauthausen:

Vielen Dank für diese wichtige und berechtigte Frage.

Mit internationalen (UN-Behindertenrechtskonvention) sowie nationalen Gesetzen (Behindertengleichstellungsgesetz, Landesgleichstellungsgesetze) ist die Rechtslage eindeutig. Mit den DIN-Normen 18024-1/18040 und zahlreichen Richtlinien, Leitfäden und Checklisten von Bund, Ländern und Kommunen ist hinreichend beschrieben, wie Barrierefreiheit im öffentlichen Raum technisch umgesetzt werden kann.

Trotzdem wird das Thema Inklusion vielfach nur zu Teilen in der Stadt- und Kommunalen-Planung berücksichtigt. 

Dies lässt sich darauf zurückführen, dass es kein umfassendes, auf jede Situation passendes Regelwerk für bauliche Barrierefreiheit gibt. Barrierefreiheit kann letztlich nicht normiert werden. Was in Städten mit einer hügeligen Topographie kein Problem ist, wird dagegen im flachen Hamburg, Greifswald oder Cuxhaven nicht toleriert. Praktikable Lösungen müssen daher die lokalen Rahmenbedingungen berücksichtigen. Dennoch könnten gesetzliche Vorgaben für ebenerdige Eingänge und bestimmte Ausleuchtungen und Akustiken beim Bau von öffentlichen Einrichtungen die notwendigen Veränderungen ermöglichen. Jedoch muss wie so oft die Veränderung in den Köpfen der Menschen stattfinden. Die Forderung nach Barrierefreiheit steht immer in einem gesellschaftlichen Spannungsfeld – insbesondere dort, wo Investitionen in Barrierefreiheit mit anderen ebenso notwendigen Investitionen (erneuerbare Energien, Isolierung) konkurrieren. Der Wille, Inklusion und Barrierefreiheit zur “Pflicht” zu machen und nicht nur als „Kür“ anzusehen, fehlt noch in vielen der für den Bau und die Planung verantwortlichen Köpfen. Umgesetzte Lösungen bedürfen der Akzeptanz der Allgemeinheit und dürfen nicht abgehoben, unangemessen oder unverhältnismäßig erscheinen. Dabei ist eine aktive Einbeziehung von betroffenen Menschen zur Erarbeitung von Lösungen unerlässlich. Dies geht einher mit der Informations- und Kommunikationsaufgabe, um immer wieder auf die im Grundgesetz verankerten fundamentalen Menschenrechte aufmerksam zu machen. Es fehlt am praktischen Wissen der handelnden Akteure sowie an ihrer Motivation. Um den nötigen Schulterschluss zu erreichen, müssen vor allem die Chancen des Barriereabbaus ansprechend und verständlich vermittelt werden. Der Schlüssel liegt darin, den Begriff der Barrierefreiheit in den Köpfen zu öffnen: Barrierefrei heißt, dass alle Menschen ihr Leben selbständig führen, Wege selbständig bewältigen und am gesellschaftlichen Leben teilhaben.

Durch die zunehmende Digitalisierung und Technisierung von Städten werden oft (unbewusst) Barrieren abgebaut. Damit einhergehend stellt die die Nutzung von neuen Informationssystemen eine große Bereicherung dar. Das Internet bietet hierzu inzwischen zahlreiche Möglichkeiten, sich im Vorfeld zu informieren, welche Wege im Stadtraum barrierefrei ausgestattet sind. Ein Vorreiter-Beispiel ist das offene und interaktive System des Vereins „Sozialhelden“ - Wheelmap (www.wheelmap.org). Die Wheelmap ist eine Karte für rollstuhlgerechte Orte. Seit 2010 kann jeder rollstuhlgerechte Orte finden, eintragen und über ein Ampelsystem bewerten – leicht und übersichtlich. Weltweit nutzen Rollstuhlfahrer und Rollstuhlfahrerinnen Wheelmap.org als Werkzeug für ihre Tagesplanung. Die Wheelmap ist in 25 Sprachen verfügbar und als kostenlose App fürs iPhone und fürs Android-Phone erhältlich.

Konkrete Beispielprojekte für DIE inklusive Stadt der Zukunft gibt es also noch nicht. Stadtquartiere sind gebaut und können nur nach und nach umgebaut werden. Daher muss sich der Prozess des Barriereabbaus auch nach dem Lebenszyklus und Modernisierungsbedarf von Gebäuden und baulichen Anlagen richten. Beispielsweise nimmt Baden-Württemberg mit den Projekten Landesstrategie „Quartier 2020“ und “Städtetag Baden-Württemberg: INKLUSIVE QUARTIERE” eine Vorreiterrolle ein. Auch Berlin taucht auf fast allen Listen von barrierefreien Städten weit oben auf. Die Stadt ist vergleichsmäßig flach, hat in Berlin Mitte gute Bürgersteige mit Rampen, und die öffentlichen Transportmittel sind meist barrierefrei. Die Stadt Wien zeigte durch die Ausstellung "barriere frei! - stadt ohne hindernisse?" vielfältige Hindernisse im öffentlichen Raum auf und stellte Ideen und Maßnahmen zu ihrem Abbau vor. Ziel war es, die Gesellschaft für Barrieren im Alltag und im öffentlichen Raum zu sensibilisieren sowie über Verbesserungspotenziale zu informieren. Mittlerweile ist Barrierefreiheit für die Dienststellen der Stadt Wien selbstverständliche Alltagspraxis. Auch in Stockholm sind öffentliche Transportmittel weitgehend zugänglich. Alle Busse verfügen über Rampen und fast alle 100 U-Bahn Stationen sind auf einem gutem Stand der Barrierefreiheit. Seit 2015 gilt übrigens in Schweden ein neues Gesetz, das fehlende Barrierefreiheit als Diskriminierung sieht.

Die Bildrechte der Fotos liegen bei Anna Spindelndreier.