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Bioökonomie im Wasser – Einblicke in die nachhaltige Fischzucht

Von Janne Steenbeck

Fisch gilt allgemein als gesundes Nahrungsmittel. Er enthält leicht verdauliche Eiweiße, lebensnotwendige Omega-3-Fettsäuren und wertvolle Vitamine und Mineralstoffe. Für viele Menschen sind Fisch und Meeresfrüchte daher ein fester Bestandteil ihrer Ernährung – und der Bedarf an Fisch als Nahrungsmittel wächst stetig. Was für den Menschen die Sicherung von Genuss und gesunder Ernährung ist, kann für Seen, Meere und Wildfischbestand fatal sein: Der globale Nahrungsbedarf hat vielerorts bereits zur Überfischung, also der übermäßigen Verringerung wilder Fischbestände durch Fischfang, geführt. Über ein Viertel der weltweiten Fischbestände sind dadurch bedroht oder bereits erschöpft.

Doch nicht alle Fische stammen aus der freien Wildbahn. Aquakulturen, also Unterwasser-Fischfarmen, stellen als kontrollierte Fischzucht eine Alternative zum konventionellen Fischfang dar. Sie decken derzeit beinahe die Hälfte des Nahrungsbedarfs an Fisch. Und das ist eine ganze Menge: Rund 66 Millionen Tonnen Fisch und Meeresfrüchte werden jährlich in Aquakulturen gezüchtet, und mit einer Steigerung von durchschnittlich neun Prozent pro Jahr ist die Fischzucht der am schnellsten wachsende Zweig in der globalen Ernährungswirtschaft.

Aquakulturen sollten unter anderem der Überfischung der Meere und Seen entgegenwirken, bergen aber auch viele Probleme. Denn für die Ernährung der Zuchtfische wird häufig die vielfache Menge an Wildfisch verbraucht, den es eigentlich zu schützen gilt. Außerdem belasten durch die Fischzucht begünstigte Parasiten und Rückstände aus der Zufütterung, wie Kot oder Medikamentenrückstände, das Meer in seiner Flora und Fauna. Hinzu kommt, dass Unterwasserfarmen nicht selten anderen marinen Organismen, die notwendig für das Bestehen ihres Ökosystems sind, den Lebensraum streitig machen.

Doch es gibt Alternativen. Um der Belastung durch konventionelle Aquakulturen entgegenzuwirken, werden Ansätze entwickelt, die negative Auswirkungen der Fischzucht auf Meere und Seen minimieren sollen. Kreislaufbasierte Aquakulturen, die Synergieeffekte unterschiedlicher Organismen nutzen, haben das Potential, die Verschmutzung des umliegenden Gewässers und den Bedarf an Wildfisch zur Fütterung zu minimieren. Natürlichen Ökosystemen nachempfunden bieten sie eine nachhaltige Alternative zur konventionellen Fischzucht.

Ein vielversprechender Ansatz sind sogenannte Multitrophische Aquakulturen (IMTA). Im Gegensatz zur monokulturellen Fischzucht existieren in einer solchen IMTA mehrere trophische Ebenen, also unterschiedliche Stufen einer Nahrungskette. Mit dieser Methode soll unter anderem verhindert werden, dass die Ausscheidungen höherer, fleischfressender trophische Ebenen in die Umwelt gelangen, indem sie einer niedrigeren trophischen Ebene zugeführt werden. So kann durch eine kombinierte Zucht von Garnelen und Muscheln die Wasserverschmutzung durch die Ausscheidungen der Garnelen verhindert werden, indem diese zu einem großen Teil von den Muscheln aufgenommen und verwertet werden. So können die Auswirkungen der Garnelenzucht auf Küsten- und marine Lebensräume sowie die Wasserqualität deutlich reduziert werden.

Ein weiterer Ansatz aus der Bioökonomie spielt sich teilweise oberhalb der Wasseroberfläche ab und nennt sich Aquaponik. Auch hier wird auf Kreisläufe und Synergieeffekte gesetzt, und zwar von Meeres- und Seebewohnern und Pflanzen. Der Begriff setzt sich zusammen aus den Begriffen Aquakultur und Hydroponik, also dem erdlosen Anbau von Pflanzen. Hier profitieren Pflanzen von den nährstoffreichen Ausscheidungen der Fische, während diesen die Sauerstoffzufuhr und der reinigende Effekt, den die Pflanzen auf das Wasser haben, zugutekommt. So können beispielsweise in einer Farm in Berlin Schöneberg Buntbarsch und Basilikum nachhaltig in Synergie gezüchtet und angebaut werden – und das ganz ohne den Lebensraum anderer Meeres- und Seebewohner zu beeinträchtigen.

Experimentelle, nachhaltige Aquakulturen wie die IMTA oder Aquaponik sind hierzulande noch nicht besonders verbreitet. Doch das Bewusstsein für die Bedeutung sauberer Seen und Meere für Klimaschutz und Artenreichtum wächst stetig. In der Bioökonomie-Strategie der Europäischen Union ist der Ausbau der Aquakultur fest verankert, insbesondere liegt der Fokus auf der besseren Nutzung der Nebenprodukte der Fischzucht und der Herstellung von Biomasse, beispielsweise durch Algen.

Welche weiteren Anwendungsgebiete nachhaltiger Aquakulturen es gibt, welche Potentiale, Chancen und Risiken sie bergen und welche Lebewesen sich besonders gut für eine nachhaltige Fischzucht eignen erfahrt ihr im Wissenschaft kontrovers Online Interview mit  Dr. Holger Kühnhold, Wissenschaftler am Leibniz-Zentrum für Marine Tropenforschung (ZMT).