Slideshow Header

Twitter-Interview mit Robert Hoffie

Wissenschaft kontrovers: Herzlich willkommen beim Twitter-Interview von Wissenschaft kontrovers Online mit Robert Hoffie zu Grüner Gentechnik. In der nächsten Stunde beantwortet er unsere und eure Fragen. Diskutiert mit unter #AskWissenschaftkontrovers.

Erste Frage: Gentechnik ja oder nein - kann man sich diese Frage beim Kauf von Lebensmitteln noch stellen? Oder sind inzwischen alle Nutzpflanzen gentechnisch verändert?

Robert Hoffie: Was man sicher sagen kann: Alle Nutzpflanzen sind genetisch verändert. Genetische Veränderungen sind die Grundlage von Evolution und auch von Pflanzenzüchtung. In Europa sind Nahrungsmittel größtenteils frei von kennzeichnungspflichtigen Gentechnikanwendungen. Sie kommen aber bei etwa 70 % der Lebensmittel irgendwo im Produktionsprozess zum Einsatz. Beispielsweise zur Herstellung von Enzymen, Vitaminen, Aromen, beim Tierfutter.

User*in1: Wissen wir, ob sich Lebensmittel mit dem Label „ohne Gentechnik“ besser verkaufen als solche ohne das Label? Ich ärgere mich immer, wenn ich das sehe.

Robert Hoffie: Da kann ich auch nur mutmaßen. Meine Beobachtung ist, dass das Label vor allem auf den Eigenmarken der Supermärkte prangt. Und die werden sicherlich vor allem wegen des Preises gekauft und nicht wegen des Labels.

Wissenschaft kontrovers: Die meisten Menschen wollen natürliche Lebensmittel. Aber wie natürlich sind unsere Kulturpflanzen eigentlich - auch wenn sie frei von Gentechnik sind?

Robert Hoffie: Unsere Kulturpflanzen sind etwa so natürlich wie ein Dackel im Vergleich zum Wolf. Bei Haustieren ist das vielen bewusst, aber auch die Pflanzen wurden domestiziert oder im wahrsten Sinne „kultiviert“. Die Pflanzen wurden an unsere Bedürfnisse angepasst, die mit den „natürlichen“ oft wenig zu tun haben. So wirft Getreide seine reifen Körner nicht mehr ab, obwohl Gräser darauf „natürlich“ angewiesen sind, um sich auszubreiten.

Wissenschaft kontrovers: Seit wann werden Pflanzen gezüchtet - und wie hat man das früher gemacht?

Robert Hoffie: Vor etwa 10.000 Jahren begann die Domestikation der Pflanzen. Sie wurden also erstmal „gezähmt“, an die Kultivierung durch den Menschen angepasst. Im Laufe der Zeit wurden dann bewusst jeweils die besten Pflanzen ausgewählt und im nächsten Jahr wieder angebaut. Das wurde in der 2. Hälfte des 19. Jahrhundert. immer professioneller. Eine planvolle Züchtung begann mit der Entdeckung der Mendel’schen Regeln am Anfang des 20. Jhdt. durch gezielte Kreuzung und anschließende Auswahl. In den 1940er Jahren begann die Mutationszüchtung: Durch radioaktive Bestrahlung und später auch mutagene Chemikalien wurde die Mutationsrate erhöht und es wurden neue Genvarianten geschaffen, die in der Züchtung genutzt wurden. Bei Getreide, Obst und Zierpflanzen wurde das besonders viel genutzt. Ende der 80er Jahre kam dann die Transgenese dazu, also die Übertragung von Genen aus einem Organismus in einen anderen. Heute sind wir beim Genome Editing angekommen, wo nicht mehr wahllos im ganzen Genom, sondern nur noch gezielt in einzelnen Genen Mutationen ausgelöst werden.´

User*in2: Hallo Robert, welche Argumente gegen Gentechnik kannst du nachvollziehen und wie könnte man diese Probleme angehen?

Robert Hoffie: Nachvollziehbar finde ich die Bedenken hinsichtlich Patentierung. Das passt meines Erachtens nicht in die Pflanzenzüchtung, die bisher davon lebte, dass Züchter auch mit dem Material anderer weiterarbeiten konnten. Bei bisherigen Gentechnikanwendungen haben Patente das verhindert. Außerdem kann man unterschiedlicher Meinung sein, welche konkreten Anwendungen sinnvoll sind. Herbizidtoleranz wird da bestimmt weniger Menschen überzeugen als etwa eine Krankheitsresistenz.

Wissenschaft kontrovers: Wenn Menschen schon immer Lebewesen züchten - warum wird Gentechnik dann als besonders schwerwiegender Eingriff betrachtet?

Robert Hoffie: Das ist sicher eine Kombination aus verschiedenen Faktoren. Zum einen ist vielen Menschen nicht bewusst, wie intensiv Kulturpflanzen ohnehin gezüchtet werden. Aber Gentechnik eröffnet durchaus neue Möglichkeiten, die vielleicht auch die Vorstellungskraft vieler übersteigen. Dabei gibt es bspw. auch in der Natur viele artübergreifende Kreuzungen. Unser Brotweizen ist sogar ein Produkt aus der Kreuzung von 3 Arten. Mit Gentechnik im Sinne von Gentransfer können wir dagegen gezielt einzelne Gene übertragen, statt ganze Genome zu kreuzen.

Wissenschaft kontrovers: Könnte Gentechnik sogar zum Umweltschutz beitragen?

Robert Hoffie: Ja klar. So wie Pflanzenzüchtung insgesamt, in dem man Pflanzen etwa widerstandsfähiger gegen Schaderreger macht. Auch höherer Ertrag ist ein Beitrag zum Umweltschutz, weil so der Flächenbedarf für Landwirtschaft reduziert werden kann.

User*in3: Denkst du, dass wir es noch rechtzeitig schaffen werden, unsere Landwirtschaft so umzubauen, dass sie nachhaltig mit den Problemen des wandelnden Klimas und der voranschreitenden Bodendegradation umgehen kann?

Robert Hoffie: Wir müssen es schaffen! Es gibt so viele Ansätze, die bereits praxisnah erprobt werden, es müsste nur stärker gefördert werden, sie auch in die Breite zu bringen. Gentechnik kann einen Beitrag leisten, aber es geht viel um Bodenbearbeitung, Fruchtfolgen, Nährstoffkreisläufe etc.

Wissenschaft kontrovers: Ein beliebtes Argument für Grüne Gentechnik ist die Bekämpfung von Unter- und Mangelernährung. Hat die Gentechnik bereits den Hunger auf der Welt gelindert?

Robert Hoffie: Hunger ist ein sehr komplexes Thema. Auf der einen Seite muss die Produktion mit der wachsenden Weltbevölkerung mitthalten. Die FAO rechnet damit, dass sich die Produktion bis 2050 verdoppeln muss, um 10 Mrd. Menschen mit veränderten Konsumgewohnheiten ernähren zu können. Auf der anderen Seite muss die produzierte Nahrung die Menschen auch erreichen. Das verhindern heute allzu oft noch Krieg, politische Instabilität und fehlende Infrastruktur. Hier kann Gentechnik nicht helfen. Aber 50 % der Hungernden auf der Welt sind Kleinbauern, die nicht genug für sich und ihre Familien produzieren können. Hier könnten auch gentechnisch verbesserte Sorten dazu beitragen, die Erträge und die Ertragssicherheit zu erhöhen. Ein Beispiel ist die Bt-Aubergine, die seit einigen Jahren in Bangladesch angebaut wird. Sie enthält ein Gen aus einem Bakterium, das sie resistent gegen wichtige Schädlinge macht. So können Kleinbauern ihre Erträge sichern, ohne fast täglich Pestizide spritzen zu müssen.

Wissenschaft kontrovers: Welche Eigenschaften oder Gene von Pflanzen sind ein häufiges Ziel von Veränderungen? Und warum?

Robert Hoffie: An den Zuchtzielen ändert sich eigentlich wenig. Das sind immer noch Ertrag, Krankheitsresistenzen, lokale Anpassung, verbesserte Produkteigenschaften. Gerade bei Krankheitsreisstenzen oder Inhaltsstoffen kennen wir immer mehr die konkret verantwortlichen Gene und können sie entsprechend gezielt gentechnisch verändern oder sie von einem Organismus in die gewünschte Pflanze übertragen, um schneller und besser zu resistenten Sorten oder etwa Pflanzen mit einer besseren Fettzusammensetzung zu kommen.

Wissenschaft kontrovers: Die Diskussionen um Gentechnik sind in den letzten Jahren wieder neu entflammt. Was hat sich geändert? Machen neue Techniken einen Unterschied, abgesehen davon, dass sie effizienter sind?

Robert Hoffie: Mein Eindruck ist schon, dass sich die Diskussion etwas geändert hat. Zum einen werden die neuen Techniken vor allem zur gezielten Veränderung vorhandener Gene genutzt und nicht mehr zur Übertragung von Genen zwischen Arten. Sie sind also eher eine neue Form der seit langem genutzten Mutagenese. Außerdem werden die Probleme der Landwirtschaft auch in Europa langsam dringend. Wir haben das dritte Dürrejahr in Folge, der Klimawandel bringt auch neue Pflanzenkrankheiten mit sich. Fridays for Future hat deutlich gemacht, dass die Zeit des Abwartens vorbei ist. Unter diesen Aspekten hat sich die Diskussion schon versachlicht und es wird nüchterner betrachtet, welche Ansätze uns wo weiterbringen können. Auch der Anspruch #unitebehindthescience wirkt hier.

Wissenschaft kontrovers: Kannst Du mit der Genschere CRISPR-Cas nun alles tun, was Du möchtest? Oder ist der Werkzeugkasten für Biotechniker*innen noch ausbaufähig?

Robert Hoffie: CRISPR & Co. sind bis jetzt Werkzeuge, um Gene in den Pflanzen gezielt zu mutieren. Das ist sehr gut, um Gene auszuschalten, mit Einschränkungen funktioniert es auch für die gezielte Veränderung eines funktionalen Gens. Wenn es noch präziser werden soll, also wirklich ganz genau einen genetischen Buchstaben in einen bestimmten anderen zu verwandeln, sind bisherige CRISPR-Ansätze noch recht ineffizient. Und Gentransfer, wie etwa für die Bt-Aubergine, funktioniert mit CRISPR kaum.

User*in4: Wie blicken Du und andere junge Forscher*innen in der molekularen Pflanzenzüchtung in die Zukunft? Wo und wie erhofft ihr euch, euer erlangtes Wissen und Können einsetzen zu können? Danke!

Robert Hoffie: Hallo! In der Forschung sind die molekularen Methoden schon heute nicht mehr wegzudenken. Dort gibt es also Bedarf an unserem Wissen. Für die praktische Züchtung hängt das in der EU vom Gentechnikrecht ab. Unter heutigen Bedingungen sehe ich da wenig Chancen. Allerdings habe ich immer noch Hoffnung, dass sich da in den nächsten Jahren etwas bewegen wird.

User*in5: Als wie wahrscheinlich sehen Sie es an, dass die Potenziale von Crispr/Cas9 für die Pflanzenzüchtung auch ausgeschöpft werden können? (Toleranzen, Wassereffizienz und Co.)

Robert Hoffie: Global sehe ich da gute Chancen. In vielen Ländern wird bereits intensiv geforscht, auch anwendungsbezogen, und die Regulierung wurde pragmatisch angepasst. Solange CRISPR & Co. in der EU unter das derzeitige Gentechnikrecht fallen, werden sie es hier auf dem Feld schwer haben.

Wissenschaft kontrovers: Können auch wirtschaftliche Interessen hinter der Befürwortung von Gentechnik stecken?

Robert Hoffie: Ja klar. Die größten Anwendungen der Gentechnik bisher – Herbizidtoleranz bei Mais, Soja, Raps und Insektenresistenz bei Mais und Baumwolle – sind vor allem von wirtschaftlichem Interesse. Es sind Kulturen und Eigenschaften, die sich weltweit vermarkten lassen. Das macht diese Anwendungen nicht schlecht, aber sie werden dem Potential von Gentechnik nicht gerecht. Sie sind mittlerweile ja auch über 20 Jahre alt. Hier wären öffentliche Programme sinnvoll, um auch weniger lukrative, aber eben sinnvolle Anwendungen zu fördern.

Wissenschaft kontrovers: Häufig ist davon die Rede, dass wir die Risiken von Gentechnik noch nicht abschätzen können. Was für Risiken können das überhaupt sein?

Robert Hoffie: Diese Frage wurde, gerade in Europa und Deutschland, sehr umfangreich erforscht. Das BMBF hat die Ergebnisse sehr übersichtlich in dieser Broschüre zusammengefasst. Das Ergebnis dieser und vergleichbarer Untersuchungen weltweit ist, dass Gentechnik prinzipiell genauso sicher ist, wie andere Züchtungsmethoden auch. Alles andere ist anwendungsabhängig. Im Falle von insektenresistentem Mais ist bspw. natürlich notwendig, die Wirkung auf Nützlinge zu untersuchen. Es wäre deshalb sinnvoll, nicht die Züchtungstechnik zu regulieren, sondern eher auf die konkreten Eigenschaften der Sorte zu schauen.

User*in6: Es gibt viele Stimmen, welche die mit #Gentechnik, aber auch mit #GenomeEdititing erzeugte Produkte mit gesundheitlichen Risiken für Verbraucher verbinden und diese deshalb ablehnen. Was sagt die #Wissenschaft dazu? Danke!

Robert Hoffie: Lebensmittel müssen selbstverständlich sicher sein. In Bezug zur Gentechnik wurde das sehr umfangreich auf der ganzen Welt erforscht. Das zusammengefasste Ergebnis ist, dass Gentechnik genauso sicher ist, wie andere Züchtungsmethoden auch.

User*in7: Wie ist eigentlich der Stand der innergrünen Diskussion zum Thema?

Robert Hoffie: Meines Wissens läuft die Debatte intern weiterhin. Wie der genaue Stand ist, weiß ich aber auch nicht. Wahrscheinlich wird das erst mit dem neuen Grundsatzprogramm wirklich öffentlich.

Wissenschaft kontrovers: Vor einem halben Jahr haben sich die Wissenschaftsakademien und die DFG ein neues Gentechnikrecht für die EU gewünscht. Beeinflusst die aktuelle Rechtslage deinen Arbeitsalltag?

Robert Hoffie: So lange, wie wir mit unseren Pflanzen im Labor und Gewächshaus bleiben, können wir gut arbeiten. Doch für anwendungsbezogene Arbeiten oder auch Forschung an Umweltinteraktionen müssten wir irgendwann aufs Feld. Das ist mittlerweile so aufwendig, dass es in Deutschland seit 2012 keine Freilandversuche mit gentechnisch veränderten Pflanzen mehr gibt. Deshalb unterstütze ich die Empfehlung von Leopoldina & Co, dass wir eine wissensbasierte Reform des Gentechnikrechts in Europa brauchen.

Wissenschaft kontrovers: Und damit endet das Twitter-Interview mit Robert Hoffie. Vielen Dank an die Twitter-Community für die vielen interessanten Fragen und an Robert Hoffie für die spannenden Antworten!

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *