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09.Dezember 2020

Veranstaltung:

Ethik der Genschere

Twitter-Interview mit Prof. Dr. Peter Dabrock
Twitter @wissimdialog, 10:00 Uhr

Am 9. Dezember 2020 sprachen wir im Twitter-Interview mit @just_ethics Prof. Dr. Peter Dabrock, Professor für Systematische Theologie an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen Nürnberg und ehemaliger Vorsitzender des Deutschen Ethikrats, über die ethischen Dimensionen der Gentechnik – insbesondere in Bezug auf die Landwirtschaft.

@wissimdialog: Lieber Herr Dabrock, Diskussionen über #Gentechnik gibt es schon lange. Ist der Hype um #CRISPRCas übertrieben?

@just_ethics: Vielen Dank für Einladung zum Gespräch. Frage nach Hype zu #CRISPRCas ist Frage nach Perspektive. Ich bin zurückhaltend gegen Hype der Euphoriker, aber auch der Apokalyptiker. Wir brauchen maßvolles nüchternes Gespräch, das die andere Seite im Blick hat. #CRISPRCas-Einsatz in Landwirtschaft muss je nach Eingriffstiefe unterschiedlich beurteilt werden. Aber klar ist auch: mit CRISPRCas werden wir nicht das Welternährungsproblem beheben!

@plaifool: Wer entscheidet, wie wir, die Gesellschaft, dieses neue Tool verwenden? Vgl. Atomenergie.

@just_ethics: Extrem wichtige Frage! Die Antwort des Ethikers muss erst einmal ernüchternd sein: das "Wir" gibt es nicht, sondern muss immer neu "erobert" werden; es muss um Argumente, aber auch Positionen und Mehrheiten gerungen werden. Anders ist es in pluraler Gesellschaft nicht möglich.

@plaifool: Wo lasst es sich denn verhandeln?

Auch das trifft Nagel auf den Kopf. Es mangelt an diversen Beteiligungsformen. Es treffen oft nur die "alten Hasen" aufeinander, die gar nicht nach gemeinsamer Lösung suchen wollen. Da MÜSSEN Foren geschaffen werden. BTW: kostet Geld. Aber es gibt natürlich Verfahren und Wege, die beachtet werden sollten, dass die Debatte möglichst fair verläuft: Beteiligung und Transparenz sind wichtig - von allen Seiten; auch die Bereitschaft, sich auf Argumente der anderen in verhärteten Debatten einzulassen.

@plaifool: Was ist denn die Ethik um ethische Entscheidungen zu treffen? xD Denken sie das allen Personen in unsere Gesellschaft, Transparenz möchten? Wenn man sich die Antworten von @fragdenstaat manchmal anhört, zweifel ich... generell passiert natürlich schon Transparenz, da Gesetz

@just_ethics: Da muss man zwischen Ethik (Reflexionstheorie der Moral), moral. Einstellungen und politischen Interessen + Strategien unterscheiden. In Ethik ist wichtig: Menschenwürde, Risikoeinschätzung, Vorsorgeprinzip, Biodiversität, nachhaltige Landwirtschaftkonzept, Gerechtigkeit...

@wissimdialog: Sind Diskussionen über #Gentechnik zu sehr an Science-Fiction-Dystopien orientiert - und zu wenig an weniger spektakulären, aber sehr viel wahrscheinlicheren Einsatzgebieten?

@just_ethics: Teils, teils: im Humanbereich auf jeden Fall zu SF-orientiert. Designerbabies + Superman weit, weit weg. Auf vielen Ebenen dort Diskussionen. Anders in Landwirtschaft: dort sind Einsatzmöglichkeiten vor der Tür, aber kaum Diskussion, verhärtete Positionen.

@wissimdialog: Die #Genschere am Menschen anzusetzen, bringt viele ethische Fragen mit sich. Doch wie sieht es mit Pflanzen aus, z.B. in der #Landwirtschaft? Wo finden sich dort Kontroversen?

@just_etihcs: Da gibt es viele. In #EU ist eth. + rechtl. Einschätzung wesentlich am Prozess #Gentechnik orientiert. Woanders am Produkt. Dann werden vor allem kontrovers Risiken für Umwelt (Biodiversität), aber auch kulturelle Einschätzungen debattiert. Interessanterweise haben selbst @Die_Gruenen in neuem #Grundsatzprogramm die kategorische Ablehnung aufgegeben und wollen differenziert nach sachl. + sozialen Risiken neue #Gentechnik bewerten.

@wissimdialog: 2018 gab es ein Urteil des @EUCourtPress zur #Genschere, das deren Einsatz in der Landwirtschaft verbot. Die Forschung war weitestgehend überrascht. Sie waren zu dieser Zeit Vorsitzender des @ethikrat. Wie nahmen Sie das Urteil wahr?

Zu Fragen des Einsatzes der #Genschere in Landwirtschaft hat sich @ethikrat nicht geäußert. Damals habe ich beim @bmel eine Diskussionsreihe zum Thema moderiert + dann Gutachten (Link folgt!) dazu verfasst. Juristisch war ich nicht überrascht; Pol. zwingt es um Handeln! Die Politik auf EU-Ebene (denn da fallen die Rahmenentscheidungen) muss nun - unter Beteiligung zivilgesell. Akteure - schauen, ob und wie #CRISPRCas in Konzept einer nachhaltigen Landwirtschaft integriert werden kann.

@wissimdialog: Hier der Link zum Gutachten: https://www.bmel.de/SharedDocs...

@wissimdialog: Und in diesem @Tagesspiegel-Artikel haben @just_ethics & @brau_matt ihre Position zum @EUCourtPress -Urteil ausgeführt: https://www.tagesspiegel.de/po...

@wissimdialog: Wie sinnvoll ist es, Richtlinien für #CRISPRCas auf nationaler oder kontinentaler Ebene auszuhandeln?

@just_ethics: De facto geschehen entscheidende Weichenstellungen in #Europa auf #EU-Ebene. Das ist einerseits gut. Denn ökologische Fragen machen nicht an Grenzen Stop. Andererseits wissen wir: Es mangelt noch immer an europ. Öffentlichkeit. Um hier voran zu kommen, braucht es öfftl. Debatte!

@wissimdialog: Würde Ihre Position anders aussehen, wenn Sie kein Theologe wären?

@just_ethics: Das weiß ich natürlich nicht genau - ist ja Gedankenexperiment. Ich will so antworten, was eine Theol. auch (wenn auch nicht exzeptionell) in solchen Debatten beitragen kann: Wissen um Begrenztheit des eigenen Standpunkts, Suche nach "ökumenenischen", sprich: Einheit in Vielfalt, Positionen, Sensibilität für Bedrohtheit der Natur (gerade angesichts dessen, was schief gelaufen ist mit: "Machet die Erde untertan“). Das können aber sicher auch säkulare Positionen, aber eben auch Religionskultur des Christentums konstruktiv in Debatte einbringen.

@wissimdialog: Im Zusammenhang mit einer #Ethik der Gentechnik wird meistens über eine Begrenzung des Einsatzes gesprochen. Muss sich schon die Forschung Gedanken über ihre Grenzen machen?

@just_ethics: In die #Gesellschaft eingebettete #Forschung wie Gesellschaft selbst müssen über #Verantwortung nachdenken (#RRI). Erklären allein reicht nicht mehr. Verantwortliche wie effektive Perspektiven des Einsatzes (#Freilandversuche) und der industr. Nutzung werden nur mit Zivilgesellschaft oder überhaupt nicht funktionieren.

@wissimdialog: Hier sind weitere Informationen zum Thema #RRI: https://ec.europa.eu/programme...

@wissimdialog: Der Hoffnungen in die #Genschere sind auch in Bezug auf die Bekämpfung des #Klimawandels groß, trotzdem bleiben große Unsicherheiten zu Risiken und Langzeitfolgen in Bezug auf die menschliche Gesundheit - kann man da überhaupt ethisch vertretbare Entscheidungen treffen?

@just_ethics: Hier muss man step-by-step vorgehen. Das heißt unter Beachtung des Vorsorgeprinzips, der unterschiedl. Eingriffsmöglichkeiten (Transgen. wie üblich, von nat. Veränderungen nicht unterscheidbare Mutagenese) und der kult. Skepsis wird man sagen können: Auch dafür, den Einsatz der #Genschere in #Landwirtschaft nicht weiter zu beforschen und die am Horizont stehenden Möglichkeiten (ökolog. vertretbarer, sanfterer Umgang mit Klimawandel, Bodenerosion, Schädlingen, Übersäuerung etc.) nicht zu nutzen, träg man Verantwortung. Es gibt also auch Verantwortung für Unterlassungen. Das heißt im Umkehrschluss nicht, dass alles erlaubt ist. Gerade deshalb müssen Verfahren und Regelungen gefunden werden, die niedrigschwelliger als die jetzigen sind, aber dennoch risikosensibel.

@wissimdialog: Die Entwicklerinnen der Genschere @doudna_lab & @e__charpentier sind 2020 mit dem #Nobelpreis ausgezeichnet worden. Trotzdem gibt es eine große Skepsis, und die Debatte findet eher in Politik und Wissenschaft als gesamtgesellschaftlich statt. Kann ein Nobelpreis das ändern?

@just_ethics: Der #Nobelpreis hat sicher für eine kurze Aufmerksamkeit gesorgt. Die Berichterstattung hat sich damals aber vor allem auf den Einsatz beim Menschen konzentriert. Das zeigt: 1. es bedarf beständiger Aufmerksamkeitsgenerierung. 2. Noch gar nicht angekommen ist in der breiten Öffentlichkeit (das zeigen auch die aktuellen Umfragen), welche Einsatzmöglichkeiten, Risiken, aber auch Sicherheiten (im Verhältnis zur alten #Gentechnik) es beim Einsatz von #CRISPRCas in der Landwirtschaft geben kann.

@wissimdialog: Geht es nicht auch beim Thema “#CRISPRCas in der Landwirtschaft” letztlich vor allem um den Schutz des Menschen?

@just_ethics: Es geht immer selbstverständlich auch um den Menschen: #Gesundheitsschutz, Menschenwürde etc. ABER: darum alleine geht es nicht: Es geht auch um nachhaltige Landwirtschaft, einen neuen Gesellschaftsvertrag unter Einbeziehung der Natur (#Klimawandel, #SDG) Kurzum, wir müssen über unser #Menschenbild selbstkritisch nachdenken: Allein der #Mensch kann in dieser Welt #Verantwortung in Gegenwart + für Zukunft übernehmen, aber er trägt nicht nur für sich, sondern auch seine #Umwelt, die Eigenwert hat, Verantwortung #Anthropozaen.

@wissimdialog: Eine Übersicht der #SDGs findet sich hier: https://17ziele.de

@wissimdialog: Letzte Frage: Wie könnte die Rolle von Bürger*innen in Debatten um #CRISPRCas gestärkt werden - nicht nur im Sinne der Akzeptanzbeschaffung, sondern im Sinne der Mitsprache bei einem Thema, das uns alle angeht?

@just_ethics: Vielen Dank für die Gesprächsmöglichkeit. Dieses neue Format ist ein Baustein, die Fragen viel breiter zu debattieren. Wir müssen dies auf allen Kanälen tun: Nur so können wir unsere Gesellschaft aktiv mitgestalten - das fördert Demokratie und nachhaltiges Leben.

@wissimdialog: Lieber Herr Dabrock, wir danken Ihnen sehr für das Gespräch!

Foto: Dt. Ethikrat/R. Zensen

Twitter-Interview

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