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Wie nachhaltig ist die Digitalisierung? 

Digitale Medien reduzieren den Papierverbrauch, elektronische Zahlungsmittel kommen ohne Münzmetalle aus und Videokonferenzen ersetzen Dienstreisen: Die, nicht zuletzt durch Corona, fortschreitende Digitalisierung wird häufig als Versprechen für mehr Nachhaltigkeit gefeiert. Doch die immer gewaltigeren Datenmengen für Streams und Co. benötigen ausreichend Serverkapazität und Energie, und die Nachfrage und Menge an elektronischen Endgeräten ist drastisch gestiegen - ebenso wie der damit einhergehende Bedarf an nicht erneuerbaren Rohstoffen. Wie nachhaltig ist die virtuelle, neue Welt also wirklich? Und was müssen wir tun, um Nachhaltigkeit und Digitalisierung in Einklang zu bringen? Die Twitter Spaces Diskussion von Wissenschaft kontrovers bietet Gelegenheit, über die Auswirkungen der Digitalisierung auf unseren ökologischen Fußabdruck zu diskutieren.

Diskutiert wird mit
Friederike Rohde, Wissenschaftliche Mitarbeiterin, Institut für ökologische Wirtschaftsforschung
und
Jens Gröger, Senior Researcher Produkte und Stoffströme, Öko-Institut e.V.

Die Teilnahme erfolgt direkt über den Twitter-Kanal @wissimdialog. Dafür ist eine aktuelle Version von Twitter nötig - Update nicht vergessen!

Diese Veranstaltung ist Teil des #Digitaltags

Zusammenfassung der Twitter Spaces Diskussion „Wie nachhaltig ist die Digitalisierung?“ am Digitaltag 2021, 18.6.21 

Zentrales Thema der Twitter Spaces Diskussion ist die Frage nach dem Zusammenspiel von Digitalisierung und Nachhaltigkeit: Kann die Digitalisierung helfen, die Ökobilanz des Planeten zu verbessern? Oder haben der hohe CO2-Ausstoß der Rechenzentren und die verwendeten Rohstoffe bei der Herstellung einen negativen Effekt auf Klima und Umwelt? Die Expert*innen Friederike Rohde vom Institut für ökologische Wirtschaftsforschung und Jens Gröger vom Öko-Institut stellen sich außerdem der Frage, inwieweit die Verantwortung bei Einzelpersonen liegt und wo die Politik in der Pflicht steht.

Homeoffice statt Pendeln, Videokonferenzen statt Dienstreisen, E-Mails statt Papierverschwendung: Gerade in den letzten Monaten klang es häufig so, als würden Umweltprobleme sich durch die Digitalisierung quasi von selbst erledigen. Doch die Zweischneidigkeit des Themas zeigt sich bereits beim ersten Beispiel Künstliche Intelligenz. Denn einerseits könnten neuronale Netze die Energieauslastung optimieren, andererseits kostet ihre Entwicklung selbst viel Energie und geht mit einem hohen CO2-Ausstoß einher.

Friederike Rohde sagt hierzu, dass Digitalisierung und KI oft fälschlicherweise als eine Art Wundermittel gehandhabt würden, das alle Probleme der Welt lösen könne. Tatsächlich sei es aber so, dass KI eine „general purpose technology” sei, also eine Technologie, die potentiell für mannigfaltige Zwecke eingesetzt werden könne, sodass man sich Gedanken machen müsste, in welchen Bereichen KI einen wirklichen Nutzen bringe und überhaupt sinnvoll eingesetzt werden kann. Ebenfalls müsse man bedenken, was auch ökonomisch nachhaltig sei. Hierzu gehören verschiedene Themen – wie das Datenaufkommen, Energie- und Ressourcenverbrauch, aber auch Datensouveränität. Nichtsdestotrotz spielen Innovations- und dementsprechend Wettbewerbsfähigkeit eine Rolle, und so sollte insbesondere auf EU-Ebene in vertrauenswürdigen Bereichen und in einem angemessenen Umfang die Digitalisierung gefördert werden.

Nicht nur auf politischer und gesamtgesellschaftlicher, sondern auch auf persönlicher Ebene stellt sich  in der Diskussion die Frage, was man als Privatperson machen kann, um seinen digitalen CO2-Fußabdruck zu verringern: Sollten wir alle eher Bücher lesen statt Filme zu streamen, Zeitung lesen statt uns im Internet zu informieren und Briefe schreiben statt Messaging-Dienste zu verwenden? 

Die Zeit zurückzudrehen, da sind sich die Expert*innen einig, ist unrealistisch. Allerdings gibt es trotzdem ein paar Alltagstipps: Beispielsweise ist es umweltfreundlicher, das WLAN statt mobiler Daten zu nutzen. Insbesondere aber die Herstellung der Geräte sei umwelt- und klimaschädlich, sodass eine lange Lebens- und Nutzungsdauer essentiell sei. Geräte länger gebrauchen und weniger oft auf neue Geräte umsteigen ist also ratsam, aber auch ein Bewusstsein dafür, dass Effizienz nicht gleich Nachhaltigkeit bedeute: Ein großer Flatscreen-Fernseher verbraucht deutlich mehr Strom, als es alte Röhrenfernseher tun.  Der digitale Videostream von Einzelpersonen sei hingegen weniger bedenklich: der jährliche Stromverbrauch eines Smartphones bei 1-2 Stunden Streaming pro  Tag verbrauche ca. 4 kWh, was etwa dem Verbrauch einer 8 W/h Energiesparlampe über den gleichen Zeitraum entspräche. Insgesamt sei unser Energieverbrauch jedoch problematisch: Aktuell verbraucht jede*r Bürger*in im Durchschnitt ca. 11 Tonnen CO2 pro Jahr durch Wohnen, Heizen, Konsum und Stromverbrauch – und für eine klimaneutrale Lebensweise müsste ein Ausstoß von maximal einer Tonne CO2 pro Person angestrebt werden. Zum Vergleich: Durch digitalen Konsum, also beispielsweise das Nutzen von Smartphone, Laptop und Router würden bereits eine ¾ t CO2 verbraucht. Geräte, die durch einen hohen Energieverbrauch im Haushalt sehr viel CO2 verbrauchen, seien vor allem aus der digitalen Welt: beispielsweise Spielkonsolen, große Flatscreen-Fernseher und Router produzieren mit 190 kg CO2-Emissionen pro Jahr mehr CO2-Ausstoß als ein Kühlschrank, der ca. 130 - 160 kg CO2 pro Jahr produziert.  Als Konsument*in ist es daher sinnvoll, sich dies vor Augen zu führen und zu überlegen, wo individuelle Einsparungen möglich sind.

Doch manchmal ist es gar nicht so einfach, sich diesbezüglich zu orientieren - das zeigt eine Frage aus dem Publikum. Im Dialog mit einem Zuhörer wird klar, dass zum Beispiel schwierig festzustellen ist, wie viele Bücher mit einem E-Reader gelesen werden müssten, um die Produktionskosten sowie die CO2-Emissionen normaler Bücher zu amortisieren. Hier empfiehlt Jens Gröger die Website www.oekotop100.de, um ein Gefühl für den Verbrauch und die Amortisationsdauer eines digitalen Gerätes zu bekommen. Es sei allerdings Aufgabe der Politik, politische Rahmenbedingungen zu schaffen, um Transparenz zu gewährleisten. Auch Friederike Rohde betont, dass die Verantwortung für eine nachhaltige Digitalisierung nicht nur auf Einzelne abgewälzt werden könne. Daher wünschen sich beide Expert*innen auch für die Zukunft, dass Digitalisierungsprozesse stärker in Hinblick auf gesellschaftliche Transformationsprozesse betrachtet würden  - und erst im zweiten Schritt geprüft würde, wie Digitalisierung diese unterstützen kann und wie politisch progressive Rahmenbedingungen hierfür geschaffen werden könnten.